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Leseprobe für das Buch Späte Gespräche
Ein DDR-Pfarrer und seine Weggefährten
von Martin v. Reinersdorff:

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Kapitel
Der Auftakt: Die ersten Jahre in Erfurt

2. Kapitel
Und immer wieder Berlin – Ein Gespräch mit Dr. Götz v. Boehmer
Erstes Kennenlernen nach der Wende
Die Westbindung unter Adenauer und Hallstein-Doktrin
Diplomatische Kontakte zwischen beiden deutschen Staaten
Willy Brandt – das große Vorbild
Widerstand der Kirchen in der DDR
'Das Schicksal ist ungleich geblieben' – Offene Vermögensfragen nach der Wende
Europas Zukunft
Studium in Berlin
'Was hat das alles mit mir zu tun?' – die Theologie Rudolf Bultmanns

3. Kapitel
'Jetzt bin ich hier und bin doch nicht hier.' – Ein Gespräch mit Martin Meyer
Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft
Der 17. Juni 1953
Es geht nicht mehr – Die Auflösung des landwirtschaftlichen Betriebes
Gehen oder bleiben?
'Es kommt nun alles wieder so, wie es einmal war.'

4. Kapitel
Der Gemeindeaufbau in den 60er Jahren – Ein Gespräch mit Ingrid und Johannes Schlemmer
Mauerbau
Die Kirche sollte hell werden
Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und Fluchtbewegungen
Ein neues Abendmahlsverständnis
Die Christenlehre als außerschulisches Angebot
Die Pfarrer besprechen gemeinsam die Predigt für den kommenden Sonntag
Abneigung gegenüber Autoritäten
Aufarbeitung der Nazivergangenheit
Was hat die Gemeindearbeit gebracht?
Wir hatten keine Träume
Engagement am Erinnerungsort

5. Kapitel
'Ich wollte dabei sein ohne alles mitzumachen.' – Ein Gespräch mit Sigrid Neuberg
Verpflegung für den jungen Pfarrer
Die Arbeit auf dem Felde
Soll ich aussteigen?

6. Kapitel
Die 'Arbeit auf dem Lande' in der DDR – Ein Gespräch mit Werner Seidel
Kirche stellt sich der neuen Realität im ländlichen Raum
Trennung der Evangelischen Kirche in Deutschland
Predigerseminare
Allgemeines Priestertum nach Luther
Auseinanderentwicklung zwischen Ost und West
Widerstand oder: Was ist das Eigentliche?

7. Kapitel
Der Traum vom 'verbesserlichen Sozialismus' – Ein Gespräch mit Hannes Urmoneit
Keine Planstelle für Theologen
Prager Frühling
'Verbesserlicher Sozialismus'
Die Ostverträge von Willy Brandt
Westreisen
Die deutsche Frage
Systemfreundlichkeit der Kirche
Nachwende und letzte Fragen

8. Kapitel
Der Entfremdung entgegenwirken – Ein Gespräch mit Hilde Lingenfelder
Gemeinsame Treffen in der DDR
'Wir haben uns gegenseitig ausgefragt'
Umweltthemen
Ängste
Beziehungen nach der Wende

9. Kapitel
Die offene Tür im Pfarrhaus – Ein Gespräch mit Petra und Hans-Fabian v. Ostau
Erster Besuch nach 30 Jahren in der alten Heimat
'Die Wiedervereinigung kommt'
Rückkehr
Hochzeiten im Schloss

10. Kapitel
Die späten 80er Jahre – Ein Gespräch mit Klaus Jacob
Kirchenrenovierung
Die Spätphase der DDR
Umweltbibliothek in Berlin
'Man fasst nicht in eine laufende Maschine – dann ist die Hand ab'
'Armut ist der beste Denkmalschutz'
Sekt am Donnerstag
Der Umbruch von 1989/1990 – Die dritte große Zäsur

11. Kapitel
Das Jahr 1990 – Die Gestaltung der neuen Zeit beginnt – Ein Gespräch mit Almut und Hubertus v. Wulffen
Runde Tische
Erste Kontakte

Die Regelung offener Vermögensfragen
Entfremdung zwischen Ost und West
Einigungsvertrag
Stasi-Erfahrungen

12. Kapitel
Die scheinbar andere Seite und doch der Kern – Ein Gespräch mit Dr. Heinz Paul
Der Citoyen
Verein Pro Jerichower Land e.V.
Werte und Normen
Sozialdemokrat
Das Schild an der Autobahn

13. Kapitel
Zum Schluss ein alter Freund – Ein Gespräch mit Carlfried Graf v. Westerholt
'Wenn Sie schon den Mut haben, unsere Republik zu besuchen ...'
Wie ein Flug durch den Grand Canyon
'Ihr wart mir so nahe'
Gespräche haben Halt gegeben

Nachwort
Kurzbiografien der Gesprächspartner
Quellenverzeichnis

Vorwort
'Späte Gespräche'. Nach der Goldenen Hochzeit meiner Eltern gab es Anfragen an meinen Vater, Folker v. Reinersdorff: Ob und wann er denn seine Autobiografie schreiben würde? Bei seinem Leben als Pfarrer in der DDR. Vater, darauf angesprochen, gab zur Antwort: Das interessiere keinen, das würde doch niemand lesen. Und außerdem würde nirgends so viel gelogen wie in autobiografischen Abhandlungen. So war die Ausgangslage Mitte 2012. In dieser Zeit kam mir, seinem jüngsten Sohn, die Idee, eine berufliche Auszeit zu nehmen. Damit hätte ich Gelegenheit, mit Vater etwas zu unternehmen. Ich habe davon zunächst niemandem erzählt, nur bei Vater ab und zu nachgehakt. Die Antwort war in etwa immer die gleiche. Mir jedoch begann die Idee zu gefallen: Ich nehme mir die Zeit, um mit Vater seine Lebensgeschichte aufzuarbeiten. Aber noch hatte ich ihn nicht überzeugt. Oft, so schien es, fehlte es an der Ruhe, über solche Themen zu sprechen. Bei den kurzen Wochenendbesuchen blieben die Gespräche an der Oberfläche oder kreisten eben um die Dinge, die es zu besprechen galt. Wer kennt das nicht? Eine Chance sah ich noch. Nach dem Tod meiner ältesten Schwester Irene vor vier Jahren wurden die Eltern gefragt, wovon sie noch träumen würden. Es sprudelte nur so heraus: Gardasee, Englische Gärten und die Schlösser der Loire. So machten wir uns in den Vorjahren auf, den Lago di Garda und die Gärten von Kent zu besuchen. Im letzten Jahr stand eine Reise mit der Bahn durch die Schweiz an. Da war sie – meine Chance. Fünf Tage allein mit den Eltern. Auf Reisen. Herausgelöst aus den alltäglichen Themen. Nach wunderschönen Tagen in Davos und Zermatt kamen wir an einem Septembertag bei herrlichem Wetter in Locarno an. Vater war Weihnachten 1953 zuletzt dort gewesen. Wir liefen vom Bahnhof hinunter in die Altstadt. Beim Spaziergang am Lago Maggiore sprachen wir dann über das Thema Autobiografie. Und irgendwann kam der erlösende Satz: 'Na, wenn Du es aufschreiben würdest, dann: ja.' Das genügte mir. Das war Auftrag genug.
Irgendwann kam Vater die Idee mit den Gesprächen. Er hatte die Sorge, dass seine Erinnerung nicht mehr so gut sei, bzw. er viele Dinge zu kritisch oder auch zu positiv bewerten würde. Deshalb entstand die Idee, Weggefährten zu befragen. Gleichsam als Korrektiv der eigenen Erinnerung. Als Ergänzung natürlich auch. Von da an war es für Vater passend: Er erzählt nicht nur seine Vergangenheit, sondern viele andere bringen ihre eigene Geschichte mit ein. So haben wir uns hingesetzt und überlegt, wen wir fragen könnten. Wer hätte Interesse mitzumachen? Am Ende sind wir auf zwölf Interviewpartner gekommen. Kollegen aus den ersten Jahren als Pfarrer, Freunde aus den 70er und 80er Jahren und Mitstreiter in der Zeit nach 1989. Alle zwölf habe ich angeschrieben und ihnen von unserer Idee erzählt. Die Resonanz war überwältigend! Alle haben zugesagt. Jetzt galt es, Termine zu koordinieren. Vater und ich haben unsere Fragen an die Freunde formuliert. Zehn bis zwölf Fragen schienen mir ausreichend. Am Ende sind es über zwanzig geworden. Vater hatte inzwischen Freude an dem Projekt gefunden. Die Fragen wurden im Vorfeld an die Interviewpartner verschickt. So konnte sich jeder ein wenig vorbereiten. Irgendwann Anfang Juni waren die Termine fest vereinbart. Alle Fragen versandt. Es konnte losgehen.
So war ich selbst gespannt auf dieses gemeinsame Projekt. Ich hatte keine Ahnung, wie es ausgeht. Was würden die Gespräche 'zu Tage' fördern? Alte Geschichten, die alle bereits kennen? Neue Aspekte, die bisher keiner Bewertung unterzogen wurden? Ist die Zeit der deutschen Teilung nicht längst ausdiskutiert? Viel wichtiger erschien mir die Zeit nach 1990. Würde ich dazu ausreichend Material bekommen? Würde ich es schaffen, das ganze Material zu verarbeiten? Dann Vaters Ursprungsfrage: Interessiert das überhaupt jemanden?

* * *

Mauerbau

Dennoch war der 13. August für ihn ein Schock. Es war ein Sonntag und er war mit seiner Verlobten in Weimar unterwegs. Die kleinen Schwarzweißfotografien im Park von Belvedere – die Eltern vor riesigen Palmen – wurden uns als Kinder immer mit der Bemerkung gezeigt, das sei am Tag des Mauerbaus gewesen. Ich fand das immer völlig unverständlich, wie die Eltern an so einem bedeutenden Tag in offenbarer Seelenruhe durch Weimar schlendern konnten. Als ob es an einem solchen Tag nichts Besseres zu tun gäbe. Aber dieser Überraschungsmoment des Mauerbaus war systemimmanent. Ihn drei Wochen vorher anzukündigen, wäre schlecht möglich gewesen. Ein völlig absurder Gedanke. In einem Interview vom 14. August 2006 mit der Magdeburger Volksstimme zum 45. Jahrestag des Mauerbaus beschrieb Vater die Situation:
'Man hat natürlich Ende der 50er Jahre gehofft, dass sich alles positiv entwickelt, aber stets mit einer Wendung zum Schlechten gerechnet. Im Nachhinein war jeder Tag ein Geschenk. Jetzt hatten sie uns endgültig eingesperrt. Jede noch so kleine Hoffnung auf eine Wiedervereinigung war dahin.' Und er sprach in diesem Interview auch über seine Ängste, verfolgt zu werden. Ähnlich wie es den russischen Priestern ergangen sei, die von den Sowjets verhaftet worden waren. 'Bald bist Du an der Reihe', fürchtete er. 'Das Schlimmste an der Mauer war die Trennung der Familien. Die Deutschen haben sich in den Jahren der Teilung auseinandergelebt.'

Die Kirche sollte hell werden
Jetzt war er also eingesperrt in der DDR und es galt das Leben als Pfarrer auf dem Lande zu gestalten. Als Pfarrer wurde Vater konfrontiert mit einem Verständnis der Menschen von einem strafenden Gott. Und er erzählt von seinen Erfahrungen mit den Menschen in dieser Zeit. 'In einem Gespräch hat mir jemand erzählt, dass er als Kind in der Kirche gesessen und der Pfarrer ihn immer angeschaut hätte. Da habe das Kind gedacht: Ob der wohl weiß, dass ich geklaut habe? Der liebe Gott sieht doch alles.' Das hat die junge Pfarrer-Generation wohl irritiert. 'Dagegen wollten wir es theologisch heller machen', erzählt Vater. Diese neue theologische Ausrichtung sollte auch in den Kirchenräumen ihren Niederschlag finden. Die jungen Pfarrer haben Anfang der 60er Jahre Kirchengebäude vorgefunden, in denen seit den Vorkriegsjahren nichts mehr oder nur notdürftig renoviert wurde. Also gute 20 bis 25 Jahre Investitionsrückstau – würden wir heute sagen. Hinzu kamen die Erfahrungen aus der dunklen Nazizeit. Jetzt sollte es heller werden. 'Wir wollten wieder Licht in die Räume bringen. Es sollte in unserer Zeit nicht nur äußerlich lichter werden, sondern es sollte vom Verständnis her die Kirche strahlender werden, nicht mehr so geduckt. Das gehört zum Evangelium dazu', erläutert Johannes Schlemmer. So haben sich die jungen Pfarrer in ökumenischen Aufbaulagern (mit Teilnehmern aus Ungarn und der damaligen Tschechoslowakei) daran gemacht, die dunklen, renovierungsbedürftigen Kirchen heller und freundlicher zu gestalten. Im Gespräch wird deutlich, dass so manche Empore und so manches alte Inventar unter Absprache mit dem kirchlichen Bauamt den Tatendrang dieser jungen Generation nicht überstanden hat. Sicherlich kam erschwerend hinzu, dass bauliche Mängel auf Grund der Mangelwirtschaft in der DDR schwer zu beheben waren (z.B. die Dächer der Kirchen). 'Aber', so Johannes Schlemmer, 'wir haben manchen romanischen Taufstein, der im Außenbereich als Tränke genutzt wurde, wieder hergerichtet, mit einem Fuß versehen und so zum gottesdienstlichen Gebrauch vorbereitet. Die Junge Gemeinde in Burg sammelte dann für eine neue Taufschale und für einen neuen Wandbehang, der in der Paramentwerkstatt der Pfeiferschen Stiftungen in Magdeburg gefertigt wurde.' Vater gibt dann zu, dass so manche dieser Aktionen auch auf wenig Verständnis bei den älteren Gemeindemitgliedern gestoßen sei. Das ist das Schöne an diesen Gesprächen – wir haben einen Raum geschaffen, in dem nun Dinge angesprochen werden, die längst vergessen schienen.